InfoCenter – Kulturwirtschaft

vertikult-Interview zu Social Media im Kulturbereich: "Marketingkanal, Impulsgeber und Geschäftsmodell"
Aug 26, 2010 - AKTUELLE NACHRICHT
Christian Holst ist einer der vier Organisatoren der stART10 Konferenz in Duisburg. Im www.vertikult.de - Interview macht der Experte deutlich: Web 2.0 bietet für Kulturschaffende und Kultureinrichtungen neue Chancen der Kommunikation und Vermarktung.
Zum zweiten Mal kommen vom 9. - 10. September Expert/innen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Social Media in der Duisburger Mercatorhalle zusammen, um über das Potenzial des Web 2.0 im Kunst- und Kulturbereich zu diskutieren.
vertikult: Wo sehen Sie speziell für Kulturschaffende derzeit den (Mehr)Wert von Web 2.0?
Christian Holst: Web 2.0 bietet für Kulturschaffende verschiedene wertvolle Möglichkeiten. Zum einen bietet es einen neuen kostengünstigen Kanal um insbesondere junges Publikum anzusprechen. Angesichts des demografischen Wandels und des hohen Altersdurchschnitts des klassischen Kulturpublikums ist es in meinen Augen wichtig, junge Leute da anzusprechen und mit ihnen zu kommunizieren, wo sie sich bewegen. Und da gehören die sozialen Netzwerke eindeutig dazu.
Ein anderer Aspekt zielt mehr auf eine übergeordnete Sicht. Kultureinrichtungen haben oftmals ein sehr ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, was auch bedeutet, dass sie sich vor allem als Sender und weniger als Empfänger verstehen. Diese Denke kommt im Web 2.0 an ihre Grenzen. Hier gibt es keine klare Unterscheidung mehr von Sender und Empfänger, denn jeder Empfänger wird problemlos zum Sender und jeder Sender muss auch empfangen, wenn er die Web 2.0-Kommunikation aufrecht erhalten möchte.
In meinen Augen ist so das Selbstverständnis von vielen Kultureinrichtungen in Frage gestellt. Dadurch sind sie durch das Web 2.0 zumindest indirekt herausgefordert, ihre Rolle und Aufgabe zu überdenken und vielleicht neu zu definieren. Das ist bei den alten Strukturen, die im klassischen Kulturbetrieb vorherrschen und die eine Begegnung mit dem Publikum auf Augenhöhe oftmals unmöglich machen oder erschweren, eine positive Sache.
vertikult: Thema "Geschäftsmodelle im Web 2.0" - Können Sie einschätzen, wo sich für Kulturschaffende künftige Einkunftsmöglichkeiten abzeichnen?
Christian Holst: Die Geschäftsmodelle im Web 2.0 zeichnen sich oftmals dadurch aus, dass pro einzelner Transaktion nur ein recht kleiner Betrag geleistet wird - Stichwort Micropayment. Nennenswerte Umsätze entstehen so also vor allem über Menge. Da sind die Möglichkeiten von Kultureinrichtungen in meinen Augen eher begrenzt, weil Kulturangebote aus dem traditionellen Bereich in der Regel keine Massenprodukte sind. Kultureinrichtungen sind vielmehr oftmals lokal oder regional verankert, ihr Markt ist dadurch zusätzlich begrenzt.
Trotzdem denke ich, dass es im Web 2.0 interessante Geschäftsmodellideen für Kultureinrichtungen gibt, wenn sie sich breitflächig mit anderen Einrichtungen vernetzen und zum Beispiel gemeinsam mit dem Tourismus oder anderen Freizeitbranchen Angebote im Web 2.0 vermarkten. Über die offenen Schnittstellen des Web 2.0 ist das wunderbar möglich. Man sollte da keine überhöhten Erwartungen haben, aber das kann ich mir mittelfristig sehr gut als eine zusätzliche Einnahmequelle vorstellen.
vertikult: Mobile Web: Hype oder nachhaltiger Trend für den Kulturbereich?
Christian Holst: Ich denke das mobile Web wird ein langfristiger Trend sein. Keine andere Gerätegruppe hat die Verbreitung und die Nutzungsintensität wie mobile Endgeräte, und die Tendenz ist weiter steigend. Ob das mobile Web auch für den Kulturbereich zum Trend wird, hängt aber natürlich auch von diesem selbst ab. Aber gerade im Bereich des Ticketing oder der Bereitstellung von ortsbasierten Services und Informationen, z.B. der Augmented Reality - also der erweiterten Realität, bei der man über mobile Geräte Informationen über den Ort erhält, an dem man sich gerade befindet - halte ich das Potenzial für den Kulturbereich für enorm. Es wäre in meinen Augen fahrlässig, dieses Potenzial mittel- und langfristig zu verschenken.
Zur Person:
Christian Holst studierte Kulturwissenschaften und BWL in Lüneburg und St. Gallen. Er arbeitet als Projektleiter für die euro26 Schweizer Jugendkarte AG und ist dort insbesondere für den Bereich Kommunikation sowie das Kulturprogramm zuständig. Zuvor arbeitete er als freier Projektmanager für NPOs und Kulturinstitutionen in Deutschland und der Schweiz sowie als Dramaturg am Oldenburgischen Staatstheater. Er betreibt das digitale Feuilleton kulturblog.net und ist Mitorganisator der startconference.org.