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Interview: "Kulturwirtschaft bietet Chancen für Migranten"

Feb 24, 2010 - AKTUELLE NACHRICHT

Dr. Katja Adelhof war eine der ersten in Deutschland, die sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit selbständigen Migranten in der Kreativwirtschaft beschäftigte. Zuletzt forschte sie über „Creative Ethnic Minority Businesses in Berlin". Den ersten Teil dieses Projekts (2007-2009) schloss sie mit einer Publikation zu türkischen Selbständigen im Design- und Kunstmarkt ab. Mit der vertikult-Redaktion sprach sie über spezielle Voraussetzungen von Kulturschaffenden mit Migrationshintergrund in der Kulturwirtschaft.

Dr. Katja Adelhof

 

vertikult: "Manko oder Marktvorteil - was überwiegt in der Marktfähigkeit von Migranten in der Kulturwirtschaft?"

Katja Adelhof: In der Kulturwirtschaft steht die ökonomische Inwertsetzung von Kunst, Kultur und Kreativität im Vordergrund. Mikrounternehmen mit geringen Jahresumsätzen machen den Großteil dieser Branche aus. Kulturwirtschaft ist offenbar ein Risikobereich, in dem Markterfolge schwer hervorsehbar sind. Davon sind natürlich auch Migranten betroffen.

Dennoch besitzen Migranten in Deutschland meines Erachtens einen enormen Marktvorteil durch ihren doppelten kulturellen Hintergrund. Wenn es ihnen gelingt, die deutsche Kultur und ihre Ursprungskultur strategisch in ihren Arbeitsweisen, Vermarktungsstrategien und Produkten einzusetzen, können sie diese Erfahrungen gewinnbringend nutzten.

 

vertikult: "Sehen Sie Themen oder Geschäftsfelder, die für Kulturschaffende mit Migrationshintergrund besonders gute Chancen bieten?"

Katja Adelhof: Überall dort im Arbeitsleben, wo Menschen aus liberal geprägten Milieus mit modernen Wertvorstellungen zusammenkommen, bieten sich auch Chancen für Migranten. Viele Bereiche der Kulturwirtschaft bieten diese Voraussetzungen. Darüber hinaus setzt bspw. die Film- und Fernsehbranche mit der Unterzeichnung der „Charta der Vielfalt" auf die verstärkte Beschäftigung von Migranten. Ein anderes Beispiel ist der Designmarkt mit Mode, Fotographie und Graphik. Dies sind Geschäftsfelder, von denen sich verstärkt Frauen mit Migrationshintergrund angezogen fühlen.

 

vertikult: "Sehen Sie besondere Unterstützungsbedarfe?"

Katja Adelhof: Ja, eine besondere Unterstützung ist sinnvoll. In Bezug auf eine finanzielle Förderung brauchen auch Migranten in der Kreativwirtschaft verstärkten Zugang zu spezifischen Mikrokrediten, die über einfache transparente Vergabeverfahren vergeben werden. Und natürlich spielt die Förderung der Qualifikation eine entscheidende Rolle. Insbesondere Kenntnisse zur Unternehmensführung wie bspw. betriebswirtschaftliches oder juristisches know how spielt eine enorme Rolle und sollte gefördert werden. Sinnvoll wäre außerdem ein Training, in dem Migranten unterstützt werden spezifische kulturhybride Arbeitsweisen, Vermarktungsstrategien und Produkte zu entwickeln und sie ökonomisch gewinnbringend einzusetzen.Nicht zuletzt ist eine generelle Anerkennungskultur von Nöten, wodurch die Vielfalt und Toleranz in der Arbeitswelt gestärkt wird.

 

Katja Adelhof lehrt und forscht am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin zu unterschiedlichen Themen der Stadtgeographie. Sie promovierte 2008 zu „lokalen Ökonomien in benachteiligten Stadtquartieren". Seit 2005 gehört der Themenbereich „Kreativität und Stadt" zu ihren Forschungsschwerpunkten.

Aktuell forscht sie im Rahmen eines post doc Stipendiums, insbesondere im Projekt „Neighbourhood upgrading processes through Creative Ethnic Minority Businesses" (2009-2011).

Das Gespräch führte Dr. Karin Drda-Kühn.

 

Dr. Katja Adelhof wird beim Expertenworkshop „Manko oder Marktvorteil?" Kulturschaffende und Kreative mit Migrationshintergrund in Rheinland-Pfalz (4.3.2010, Kusel, Veranstalter: Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz) den Einführungsvortrag halten.